„Nein, Mama, mir geht es gut. Ich fahre nach Neuseeland.“

 

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Ach ja stimmt. Deswegen bin ich gefahren. Deswegen habe ich entschieden meinen Job und meine Wohnung zu kündigen und mich auf ans andere Ende der Welt zu machen. Deswegen habe ich beschlossen zu einer mutigen Abenteurerin zu werden. Tollkün, nennt man das. Oder war es naiv?

„Wow, thats pretty tough! You are brave!“, erwidert Laura aus den States und betrachtet mich mit aufrichtiger Anerkennung. Stimmt, denke ich bei mir. So vollkommen ohne Plan und alleine ans andere Ende der Welt zu reisen ist schon ziemlich cool. Die Vernünftige grinst bescheiden. Und die Abenteurerin hüpft wild und ausgelassen unter dem Sternenhimmel.

 

„What kind of flavour do you like?“, ich halte dem Kind vor mir 3 verschiedene Eiscremesorten unter die Nase. Es überlegt. „Chocolate! Chocolate!“ Ich stehe im organic ice cream shop von Gina, 2 Querstraßen von ihrem Haus entfernt, neben Bucks Surfladen. In der einen Hand halte ich eine Waffel, in der Anderen versuche ich künstlerisch eine Kugel Eis aus dem gefrorenem Behälter zu quetschen. Wenn ich nicht gerade Eis verkaufe, helfe ich zusammen mit den anderen Mädchen im Haus von Gina: Kochen, abwaschen oder die Kids unterhalten. 4 Stunden am Tag. Und das Beste: ich bekomme so viel Eis, wie ich möchte. Nach unserer Schicht gehen wir Vier gemeinsam an den Strand, 7 Straßen von Ginas Haus entfernt, und noch einmal abbiegen. Lance bringt uns bei, wie wir unter die Wellen tauchen, ohne dass sie uns zu Boden schleudern. Er bringt uns bei, wie Kiwis abwaschen: Nämlich einfach das Geschirr unter den Wasserhahn halten und gut ist! Er bringt uns bei, wie Kiwis zu reden, immer mit dem bekannten „Ey“ am Satzende oder Satzanfang. Meist suggeriert es eine Frage, aber sicher sind wir uns nicht. Wir spielen zusammen im Garten Football und Abends sitzen wir zusammen und spielen Karten. Die Regeln verstehe ich nicht, aber das ist egal, sagt Lance. Hauptsache „we have a fucking good time.“

Und die habe ich. Regeln und Richtlinien scheint es hier nicht wirklich zu geben. Außer eine: Live to the beat of your own drum! Das selbstgemalte Bild von Gina hängt an der Kühlschranktür, gleich neben dem Regal voller Erdnussbutterchips und selbstgemachtem Kokosöl. „Das hilft als Sonnenschutz und gleichzeitig bei Sonnenbrand“, erzählt Lance stolz, jedes Mal, wenn wir uns damit einreiben. Geld haben die beiden nicht viel, aber das spielt auch keine Rolle. Dafür haben sie einander, einen Garten voll selbst angepflanztem Gemüse, eine große Veranda, auf die ein Zelt passt und jede Menge Geschichten von den unterschiedlichsten Backpackern, die sie schon aufgenommen haben.

Die Lebensweise der Neuseeländer fasziniert mich: Menschen, die am Morgen aufwachen und bereits glücklich sind. Die die Dinge nicht so schwer nehmen. Die sich in eine Schlange ganz hinten einreihen und dabei noch lächeln. Die mir auf dem Gehweg zuwinken und rufen: „What a wonderful day!“ Die mit den kleinsten Dingen zufrieden sind und dem Wort Entschleunigung eine völlig neue Bedeutung verleihen.

„Just go with the flow“, ruft mir Lance am Tag meiner Abreise noch hinterher. Das versuche ich, denke ich, als ich schon mein neues Ziel vor Augen habe: Wellington. Von dort aus dann weiter mit der Fähre Interislander auf die Südinsel. Wohnen und wwoofen werde ich bei Seija, Künstlerin mit Weingut vor dem Haus und 2 Kindern.

Nach einer 15 Stunden Busfahrt, drei Sandwiches später sowie meiner Schminke auf Dreiviertelneun, steige ich erschöpft aus dem Bus. Huch, hier geht aber ein heftiger Wind, denke ich und schaue mich neugierig um. Doch zum Gucken bleibt wenig Zeit, denn meine Fähre geht in 30 Minuten. Tack, tack, die Zeit rennt. Backpack von dem netten Kiwi auf meinen Rücken geschnallt, bewege ich mich mit schnellen Schritten Richtung Hafen. Und welches ist jetzt mein verdammtes Boot? Denn hier liegen geschätzte 8 Schiffe am Hafen. Stress. Wenn ich die Fähre verpasse, habe ich 40 Dollar umsonst gezahlt. 40 Dollar bedeuten 1 Woche essen und ein Bier, wenns sich noch ausgeht. Tack, tack. Ich laufe schneller. Mein Fuß ächzt. Schweiß läuft mir die Schläfen hinunter. Ob ich wohl stinke?, denke ich bei mir, als ich endlich den Namen Interislander auf einem der Schiffe sehe. Hops, ich springe gekonnt über einen schlafenden Backpacker, der es sich auf dem Boden gemütlich gemacht hat und falle einem Kiwi in die Arme, der die Tickets kontrolliert. „You are lucky, you are the last!“, höre ich ihn sagen.

 

Ich wache auf, die Sonne scheint mir ins Gesicht, weil ich den Vorhang am Abend zuvor vor lauter Müdigkeit nicht zugezogen habe. Wir haben The lord of the rings geschaut. Wir, das sind Seija, Cara, Georgia und ich. Bis um 2 Uhr früh. Ich blinzele. Einmal, zweimal. Dreimal, ich schlage die Augen auf. Was ich sehe, ist der Ausblick auf Seijas Weingut. Die Reben glänzen, es hat geregnet, die Morgensonne spiegelt sich auf den Tropfen. Ich verspüre ein Glücksgefühl. Ich kann es nicht abwarten, meine Shorts anzuziehen, loszuziehen und mit dem Radl zur wharf zu fahren. Die wharf ist ein kleiner Hafendamm, 10 Minuten von Seijas Haus. Mein Bauch kribbelt, weil ich an die Stelle denke, von der man ins Wasser springen kann und sich die Kinder jeden Tag ein Wettspringen liefern.

1, 2, ich sitze auf meinem Drahtesel. Ein uraltes Klappradl, das mir Seija geliehen hat. Ich schaue über meine Schulter, sehe sie, wie sie sich zwischen den Weinreben bewegt, vorsichtig jede einzelne Traube begutachtet. Das große selbstgemalte Schild vor ihrem Haus zeigt Grapes for sale. Zusammen mit ihren Kindern haben wir es gemalt. Zusammen haben wir gemalt, gelacht und getanzt. Jar of hearts ist das Lieblingslied von der 9-jährigen Cara und zusammen haben wir es in die Nacht hinaus geschrien. Wie ein Kind mit 9 Jahren schon ein gebrochenes Herz haben kann, weiß ich nicht, aber es klingt echt. STOP! Rote Ampel. 3, 4, mein Magen knurrt, ich steige ab und betrete das kleine Lebensmittelgeschäft hier in Mapua. 2 Minuten später halte ich meine Lieblingsschokolade, William Wonka, in der Hand. „Good morning, honey“, begrüßt mich Jenn, die Kassiererin. „On your way to the wharf?“, fragt sie. „Yes, like every morning“, erwidere ich, bereits mit vollem Mund. Die Schokolade entfacht Glücksgefühle auf meiner Zunge. Endorphine schießen in meinen Körper, während ich mich wieder auf mein Rad schwinge. 5,6, ich erreiche die wharf. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ein leichter Schweißfilm zeichnet sich auf meiner Stirn ab. 7,8, meine Augen strahlen, ich bin aufgeregt, denn ich fühle mich wie ein kleines Kind. Fühle mich wie damals, als ich bei meinem Vater auf den Schultern saß. Ich setze mich zusammen mit William Wonka direkt ans Wasser, denn so kann ich mit den Zehenspitzen genau einen Zentimeter in das kühle Wasser hinein tauchen. Ich sehe die ersten Kinder, die sich mutig mit einem Seil, befestigt an einem uralten Baum, in das Wasser werfen. Ich fühle mich genauso wie sie, jung und sorglos, als ich aufstehe, meine Schokolade weglege und mich anstelle. Bin ich lächerlich, frage ich mich, weil ich mich zusammen mit 12-jährigen Kindern an ein Seil hänge wie ein Affe und mich kreischend ins Wasser werfe? Egal, antwortet die Vernünftige. Egal, antwortet die Abenteurerin. 9, ich bin an der Reihe. Ich blicke mich um, die Schlange der Kinder lächelt mich an. 10, ich nehme Anlauf, renne los und ich springe.

Und ich bin frei.

 

Wenn du in einem fremden Land bist, dehnt sich alles aus. Jede einzelne Minute fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Du kannst Sekunden ziehen wie Kaugummi. Du saugst alles Fremde in dir auf und läufst mit weit geöffneten Augen durch die Straßen. Immer auf der Suche nach dem einen Moment, den du nie wieder vergessen willst.

Ich atme ein und atme aus. Denn ich habe ihn gefunden, diesen einen Moment. Die Wasserperlen zeichnen sich auf meinem Körper ab. Ich schaue auf das Meer und fühle etwas, das ich seit langer Zeit nicht mehr gefühlt habe: Glück. Glück, das dich fühlen lässt, das du nichts brauchst. Nicht deinen besten Freund neben dir oder ein kühles Bier in der Hand. Du fühlst dich aufgehoben. Denn du bist angekommen. Ich bin angekommen. Endlich.

Nach meiner Reise fragten mich meine Freunde was mich am meisten geprägt hat. Ob es das Trampen auf mir unbekannten Straßen war. Das Integrieren in eine neue Familie, das Zusammenwachsen und das wieder Verabschieden. Oder dass ich alles alleine geschafft habe. Ich antworte jedes mal mit der gleichen Antwort:

Die Menschen. Die Menschen, die wir auf Reisen treffen, prägen uns und unseren Weg in der unterschiedlichsten Art und Weise. Meist kapieren wir das in dem Moment noch gar nicht. Aber das müssen wir auch nicht. Denn wir sind noch damit beschäftigt Sterne zu jagen.

 

 

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